Böhmen, wo die Powidltascherl herkommen, war einst ein Königreich, dann Teil des Österreichischen Kaiserreichs und bildet nun zusammen mit Mähren und einem Teil Schlesiens das heutige Tschechien. Zwischen etwa 1400 bis 1918 hat diese Region eine rege eigene Kultur und vor allem eine ganz besondere Küche entwickelt, die – anders als die administrativen Verhältnisse – bis heute überlebt hat. Dabei hat auch die jüdische Kultur starken Einfluss auf die Küche genommen und hält viele Gerichte auf der ganzen Welt als kulturelles Erbe am Leben. Die böhmische Küche zeichnet sich durch einfache Zutaten aus, die zu köstlichen Speisen werden. Vieles, was die österreichische und bayerische Küche berühmt macht, vor allem die Knödel, ist eigentlich böhmisch.
Powidltascherl werden heute meist als Dessert serviert, früher wurde aber freitags, wenn aus religiösen Gründen kein Fleisch gegessen wurde, sehr gerne süß zu Mittag gegessen. Das Gericht ist eigentlich eine sogenannte „Mehlspeise“ – die vegetarische Hauptspeise, die früher meist nach einer klaren Brühe mit Einlage, zum Beispiel Pfannkuchenstreifen, serviert wurde.
Um Powidltascherl herzustellen, arbeitet man am besten mit der original Powidl-Marmelade. Diese wird aus Zwetschgen hergestellt, die sehr lange verkocht werden – ein aufwändiger Vorgang, weil die Marmelade aufgrund des hohen Fruchtzuckeranteils leicht anbrennt und deshalb ständig gerührt werden muss. Wir hatten das Glück, ein Glas in Wien erwerben zu können, wo man Powidl noch in jedem Supermarkt findet. Powidl schmeckt intensiv nach Zwetschgen und hat eine unvergleichlich sämig-cremige Konsistenz. Wenn Ihr keinen original Powidl findet, könnt ihr die Füllung am besten durch möglichst dickflüssiges Pflaumenmus oder andere dunkle Marmelade oder Fruchtmus ersetzen.

Legen wir los! 300 g mehlige Kartoffeln mit Schale werden weichgekocht und geschält, sobald sie leicht abgekühlt sind. Dann werden die Kartoffeln durch eine Kartoffelpresse gedrückt oder, wenn man eine solche nicht besitzt, mit dem Kartoffelstampfer oder einer Gabel so lange bearbeitet, bis ein einheitlicher Kartoffelbrei ohne Klümpchen entstanden ist. Dies ist die Hauptzutat für den Teig.

Fügt nun Mehl, Eier und Butter hinzu, ebenso eine Prise Salz. Es ist ganz typisch für die böhmische Küche, dass in den berühmten süßen Knödeln kein Zucker im Teig enthalten ist, es handelt sich also nicht etwa um einen Fehler im Rezept.

Der Teig muss nun gut verrührt werden, bis er weich und gut formbar, aber nicht mehr klebrig ist. Da die Kartoffeln unterschiedlich viel Nässe in den Teig bringen, kann es sein, dass ihr auch etwas mehr oder weniger als die angegebenen 100 g Mehl verarbeiten müsst, um diese Konsistenz zu erreichen.

Der Powidl wird nun mit etwas Zimt und Rum zu einer dickflüssigen Paste angerührt.

Der Teig wird zu einer etwa drei Millimeter dicken Platte ausgerollt. Bemehlt die Arbeitsfläche großzügig, damit nichts kleben bleibt. Nun stecht mit einer runden Form Kreise von etwa 5 bis 6 cm Durchmesser aus. Ihr könnt dafür auch ein Trinkglas mit dünnem Rand verwenden.

Setzt in die Mitte des Teigkreises nun etwa einen Teelöffel Powidl – nicht zu viel, denn je mehr Füllung, desto schwieriger das Falten der Taschen.

Die Kreise werden nun halbiert und um die Füllung herum an den Rändern gut flachgedrückt. Das geht am besten, wenn man sie auf eine Handfläche legt und dann mit der anderen Hand arbeitet. Nur Geduld – man bekommt recht schnell die nötige Übung. Achtet auch darauf, keine Luftblasen mit in die Taschen einzuschließen.

Als Garnitur stellen wir nun geröstete und karamellisierte Semmelbrösel her. Die Semmelbrösel werden trocken mit Zucker (man kann auch gut mit braunem Zucker arbeiten) in eine breite Pfanne gegeben und bei mittlerer Hitze langsam gebräunt.

Vorsicht – dafür braucht man etwas Geduld und es ist sinnvoll, mit einem Holzlöffel ständig zu rühren, weil zunächst kaum ein Effekt zu sehen ist und dann sehr plötzlich der entstehende Karamell verbrennen kann, wenn man nicht aufpasst. Die Brösel sind fertig, wenn sie eine goldbraune Farbe angenommen haben.

Die Powidltascherl werden nun in einem nicht zu kleinen und breiten Topf (ca. 3 Liter) in leicht gesalzenem Wasser gar gezogen. Das bedeutet, dass das Wasser nicht kochen darf, sondern gerade unter dem Siedepunkt bleiben muss. Gebt immer nur so viele Powidltascherl auf einmal in den Topf, dass diese nicht übereinander liegen und aneinander festkleben. Die rohen Teiglinge sinken zunächst auf den Topfboden, kommen dann aber nach ca. 6 Minuten Kochzeit von selbst nach oben – das Zeichen, das sie gar sind.

Falls sie sich nicht vom Boden lösen sollten, könnt ihr mit dem Holzlöffel nach etwa 5 Minuten zart nachhelfen. Fertige Powidltascherl fischt ihr mit dem Schaumlöffel oder einem Sieb aus dem Topf und gebt sie direkt in die Karamellbrösel, wo sie noch feucht gewendet werden, so dass die Brösel kleben bleiben.

Serviert die Powidltascherl am besten warm und eventuell mit etwas Puderzucker, Kompott und / oder einer Kugel Vanilleeis .

Genießt es.
And may the taste be with you.
Zutaten (für 4 Personen):
300 g mehlige Kartoffeln
100 g griffiges Mehl
20 g weiche Butter
2 Eigelb
1 Prise Salz
150 g Powidlmarmelade – Pflaumenmus
1 EL Rum
¼ TL Zimt
80 g Semmelbrösel
60 g Zucker